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Die Rou­te 66 Hel­ve­ti­ens: kreis­rund und per­fekt getak­tet wie eine Schwei­zer Uhr. So tickt die Rund­rei­se der Grand Tour of Switz­er­land – und ver­bin­det mit­tel­al­ter­li­che Dör­fer, rei­che Kul­tur­städ­te und Natur­ge­nuss vom Feinsten.

Wer in der Trend­stadt Zürich zur gro­ßen Schweiz-Rund­fahrt auf­bricht, möch­te spä­ter mit blitz­blan­ken Fel­gen und per­fek­ter Wachs­po­li­tur über Alpen­päs­se rol­len. Da trifft es sich gut, dass sich hier die edels­te Wasch­stra­ße der Welt befin­det. Sau­ber ist aber auch die viel län­ge­re Run­de, die vor uns liegt. Grand Tour of Switz­er­land“ heißt sie. Eine Rund­rei­se durch die gesam­te Schweiz. Ver­lo­ckend klingt der Road­t­rip durch das mehr­spra­chi­ge Natur­wun­der im Her­zen Euro­pas ‑alle­mal: 1.643 Stra­ßen­ki­lo­me­ter in zehn Etap­pen, zwölf UNESCO-Welt­erbe­stät­ten, zwei Bio­sphä­ren, fünf Alpen­päs­se und 22 grö­ße­re Seen. So lau­ten wesent­li­che Eck­da­ten zu einem rund­um abge­fah­re­nen Trip. Auto­bah­nen gibt es nur zu sehen, wenn es aus ver­kehrs­tech­ni­schen Grün­den wirk­lich sinn­voll ist. Denn vor allem ver­bin­det die Grand Tour of Switz­er­land die land­schaft­lich schöns­ten Rou­ten und Traum­stra­ßen der Eid­ge­nos­sen­schaft – sowie mit­tel­al­ter­li­che Dör­fer, gran­dio­se Glet­sch­er­land­schaf­ten und Palmenriviera. 

Ein Fall fürs Wasser

Fürs ers­te Fahr- und Vor­ge­fühl zur Viel­falt der Grand Tour rei­chen die 175 Kilo­me­ter der Ein­stei­ger­etap­pe zwi­schen Zürich und Appen­zell. Weiß-rote Fach­werk­häu­ser des Zür­cher Wein­lan­des len­ken unter­wegs ab, beson­ders schmuck im intak­ten Dorf Martha­len. Bereits vor­her lässt ein Sto­po­ver in Win­ter­thur ahnen, dass die Nord­ost­schweiz auch Rich­tung Zukunft unter­wegs ist. Denn Euro­pas größ­te zusam­men­hän­gen­de Fuß­gän­ger­zo­ne, 17 Muse­en und Spa­zier­gän­ge durch still­ge­leg­te Werks­hal­len sind in der eins­ti­gen Indus­trie- und nun­meh­ri­gen Kul­tur­stadt kein Wider­spruch. Das ers­te Natur-High­light des Tages ver­spricht aber wil­de Was­ser­spie­le. Eine knap­pe Stun­de braucht es von Win­ter­thur bis nach Schaff­hau­sen, wo wäh­rend der letz­ten Eis­zeit Euro­pas größ­ter Was­ser­fall ent­stand und nun über eine 150-Meter brei­te Kalk­schwel­le natur­ge­wal­tig in die Tie­fe donnert. 

Auf einem Road­t­rip durch die Schweiz lässt sich Frei­heit pur erfahren.”

Por­sche mit Almkäse

Rhein­knie, dann wie­der ein wenig Blei­fuß, aber Letz­te­rer nur mit­tel­schwer. Denn zum Durch­ra­sen sind auch die rest­li­chen Zie­le zu scha­de: Da wären die bemal­ten Renais­sance­fas­sa­den von Stein am Rhein, wo der Boden­see wie­der zum Rhein wird. Die his­to­ri­sche Bücher- und Tex­til­stadt St. Gal­len ver­dient allein wegen des fest­li­chen UNESCO-Welt­kul­tur­er­bes des Stifts­be­zirks mit sei­ner 1.300 Jah­re alten Biblio­thek pro­lon­gier­te Stadt­bum­mel – und über­rascht zugleich mit splee­ni­gen Details wie einem eigen­wil­li­gen Por­sche von Mul­ti­me­dia­künst­le­rin Pipi­lot­ti Rist am Roten Platz. Doch als Nach­schlag ser­viert die Nord­ost­schweiz-Etap­pe Alm­kä­se. Nicht irgend­ei­nen, son­dern den beson­ders wür­zi­gen des Bil­der­buch­städt­chens Appen­zell. Dass der Appen­zel­ler Orts­kern längst auto­freie Zone ist, stört Grand-Tour-Kan­di­da­ten nicht. So bleibt mehr Muße für die reich mit Male­rei­en ver­zier­ten Häuser.

Authen­tisch Almöhi

Ist das hüge­li­ge Appen­zel­ler­land ein uri­ges, grün ondu­lier­tes Berg­bau­ern­pa­ra­dies, so spit­zen sich im wei­ter süd­lich anschlie­ßen­den Grau­bün­den nicht nur die Berg­gip­fel zu, son­dern auch die Schweiz-Kli­schees: Hei­di­land, das noble St. Moritz und Sgraf­fi­ti-Dör­fer. Bei Schliers – genau­er: an der Pass­hö­he Wild­haus gleich neben dem Hotel Hir­schen fin­det sich ein wei­te­rer jener rot gerahm­ten Foto-Spots, die eigens für die Grand Tour of Switz­er­land ange­fer­tigt und im gan­zen Land auf­ge­stellt wur­den. Wie ein Pas­se­par­tout alpi­ner Hoch­ge­nüs­se geht der Road­t­rip wei­ter. Bei Zer­nez rol­len wir durch eine Art alpi­ne Foto­ta­pe­te. Denn rings­um erstreckt sich der Schwei­ze­ri­sche Natio­nal­park und ver­sam­melt auf 180 Qua­drat­ki­lo­me­ter Flä­che ein sau­be­res, unver­brauch­tes Stück Berg­welt. Ein ganz ande­res Unter­enga­din-Bio­top stel­len Dör­fer wie Guar­da oder Ardez dar. Sgraf­fi­ti an den Häu­ser­wän­den las­sen hier an den medi­ter­ra­nen Süden den­ken, meckern­de Zie­gen an den Almöhi. Ergibt in Sum­me eine andern­orts rar gewor­de­ne dörf­li­che Authen­ti­zi­tät, die man am bes­ten in gemäch­li­chem Tem­po durchrollt. Gas geben kann man aber am End­punkt die­ser Etap­pe – dem ultra­mon­dä­nen St. Moritz!

Abseits des Tunnelblicks

Die nächs­te Sta­ti­on, das Tes­sin, der Son­nen­bal­kon der Schwei­zer, soll­te eigent­lich mit offe­nem Vin­ta­ge-Ver­deck bereist wer­den. Zunächst regiert noch der raue Charme der Berg­welt: West­lich von St. Moritz führt der Natur­park Parc Ela bei Sur zu den spek­ta­ku­lä­ren Alpen­päs­sen Albu­la, Julier und Sep­ti­mer, über ursprüng­li­che Berg­wie­sen und in roma­ni­sche Dör­fer, in denen bis heu­te auf Räto­ro­ma­nisch par­liert wird. Bei Tie­fen­cas­tel rat­tert die Rhä­ti­sche Bahn über einen UNESCO-Welt­erbe-Via­dukt, und bei Via­ma­la kön­nen die schrof­fen Fels­wän­de der Via­ma­la-Schlucht bewun­dert wer­den. Bei San Ber­nar­di­no kann auf den Tun­nel­blick ver­zich­tet wer­den, lie­ber geht es über den 2.067 Meter hohen legen­dä­ren Pass. Plötz­lich sieht die Schweiz nach Man­del­blü­te und Pal­men­ri­vie­ra aus. Bel­lin­zo­na, die mit­tel­al­ter­li­che Stadt der Bur­gen, zugleich Haupt­stadt des Tes­sins, könn­te mit stil­len Patri­zi­er­häu­sern und sei­nem Logen-Thea­ter eben­so gut in der Lom­bar­dei lie­gen. Luga­no, Asco­na und Locar­no bezau­bern als Gesamt­kunst­werk – und als kol­lek­ti­ve Ein­la­dung zu Pro­sec­co im mil­den Abendlicht. 

Auf die Spit­ze getrieben

Die enor­me Viel­falt der Schweiz setzt sich im gla­mou­rö­sen Süd­wes­ten fort – wobei einem das Land auch hier impo­san­te Ber­ge bie­tet. Am Fur­ka­pass wird auf 2.429 Meter See­hö­he die höchs­te Stel­le der Traum­rund­rei­se erreicht, und auf der neu­en Hän­ge­brü­cke Goms Bridge lohnt sich ein Blick auf die hier noch jun­ge Rhô­ne beim ers­ten Schäu­men. Beim Foto-Stop Gro­ßer Aletsch­glet­scher zei­gen die Schwei­zer Ber­ge noch ein­mal ihre lan­ge wei­ße Zun­ge – mit 23 Kilo­me­ter Län­ge han­delt es sich um den größ­ten Glet­scher der gesam­ten Alpen­re­gi­on. Der ulti­ma­ti­ve Cover­star zeigt sich aller­dings erst beim auto­frei­en Ort Zer­matt: 400 Kilo­me­ter Wan­der­we­ge umkrei­sen hier das berühm­te Mat­ter­horn. Aber es geht noch viel mehr. Denn die frei­gie­bi­ge Natur hat das Wal­lis über­reich bedacht. Gezähl­te 41 Vier­tau­sen­der säu­men die­sen Abschnitt der Grand Tour, und an den Hän­gen wogt ein 5.000 Hekt­ar gro­ßes Reben­meer mit Grand-Cru-Poten­zi­al. Nicht zu ver­ges­sen Wal­lis’ Kan­tons­haupt­stadt Sion und die End­sta­ti­on der Etap­pe Lau­sanne, die appe­tit­li­che Schwei­zer Gourmetstadt. 

Nahr­haf­te Romandie

Bei den letz­ten Abschnit­ten schei­den sich die Geis­ter. Eine Etap­pe führt von Lau­sanne über 170 Kilo­me­ter in nörd­li­cher Rich­tung ins char­man­te Neu­châ­tel und beein­druckt an der Kan­tons­gren­ze Neu­en­burg und Waadt mit der natür­li­chen Fel­sen­are­na Creux du Van. Ganz ande­re Genüs­se ver­spricht der Abste­cher ans süd­west­li­che Ende des Gen­fer­sees zur Diplo­ma­ten-City Genf. Genuss­reich ist der Trip durch die Roman­die in jedem Fall. Bei Vevey, einst Wohn­ort Char­lie Chap­lins, ragt eine rie­si­ge Gabel aus dem Gen­fer­see, und das Ernäh­rungs­mu­se­um Ali­men­ta­ri­um lädt zwi­schen Bel­le-Epo­que-Stuck zu kuli­na­ri­schen Ent­de­ckungs­rei­sen ein. 

Das Basel-Bern-Dilem­ma

Bei Neu­châ­tel stellt sich die Fra­ge: Wei­ter zur Kul­tur­me­tro­po­le Basel? Dann soll­te auf hal­bem Wege kei­nes­falls Saint-Ursan­ne ver­säumt wer­den, das male­ri­sche Jura-Städt­chen am Ufer des Doubs. Oder hin­ein ins Herz der Schweiz? Dann war­ten mit dem Ber­ner Ober­land noch ein­mal welt­be­rühm­te Namen wie Fri­bourg oder Inter­la­ken, das Tor zum Drei­ge­stirn Eiger, Mönch und Jung­frau. Schließ­lich lockt die Schö­ne selbst: die Lan­des­haupt­stadt Bern – UNESCO-Welt­erbe, ein begeh­ba­res Muse­um mit Brun­nen, Sand­stein­fas­sa­den, his­to­ri­schen Tür­men. Aber das ech­te Herz der Schweiz? Wir fin­den, nun fast am Ende die­ser star­ken Tour­nee: Es ist das sanf­te Plät­schern des seit Wil­helm Tell mythi­schen Vier­wald­stät­ter­sees bei Luzern. Und auch hier kann man schö­ne Run­den dre­hen – aller­dings auf wei­ßen Aus­flugs­schif­fen und zwi­schen blitz­blau­en Wellen.

Kom­pakt in Fahrt kommen

Rei­se­zeit & Rei­se­dau­er: Emp­feh­lens­wert sind die Som­mer­mo­na­te von April bis Okto­ber. Bei einer durch­schnitt­li­chen Fahr­zeit von etwa fünf Stun­den täg­lich emp­fiehlt Schweiz Tou­ris­mus für die 1.643 Kilo­me­ter lan­ge Kern­rou­te min­des­tens sie­ben Tage.

Fahr­zeug­mie­te: Als welt­weit ers­ter Road­t­rip für Elek­tro­fahr­zeu­ge weist die Grand Tour of Switz­er­land ein dich­tes Netz von 300 Lade­sta­tio­nen auf. Schweiz Tou­ris­mus bie­tet z. B. ein Paket für acht Tage Tes­la und Näch­ti­gung in Vier- und Fünf-Ster­ne-Hotels ab 2.750 Euro an. Ganz anders flott: Old­ti­mer von rentaclassic.swiss

Mehr Info: Die offi­zi­el­le Web­sei­te hält prak­ti­sche Infor­ma­tio­nen zur opti­ma­len Pla­nung bereit – von A wie Auto­mie­te über G wie GPX-Daten bis Z wie Zoll­be­stim­mun­gen. grand​tour​.mys​witz​er​land​.com

Hotel­tipps:

Che­not Palace Weg­gis: Her­ten­stein­stras­se 34, 6353 Weg­gis. Im Mai eröff­ne­te das his­to­ri­sche Bel­le-Epo­que-Hotel am Vier­wald-stät­ter­see nach zwei­jäh­ri­gem Umbau als Che­not Palace Weg­gis. Es han­delt sich um das moderns­te Health Well­ness Retre­at der 
Mar­ke Che­not. che​no​t​pa​la​ce​weg​gis​.com

Grand Hotel Vil­la Cas­ta­gno­la: Via­le Cas­ta­gno­la 31, 6906 Luga­no. Das bezau­bern­de Fünf-Ster­ne-Hotel am Luga­ner­see war einst das Zuhau­se einer rus­si­schen Adels­fa­mi­lie. Ein ele­gan­tes Inte­ri­eur und ein sub­tro­pi­scher Gar­ten machen die Pracht komplett. 
vil​la​cas​ta​gno​la​.com