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Extravaganz für feine Nasen: Ausnahme­parfümeur Serge Lutens im Interview über die Macht der Erinnerung, den Duft seines Lebens und Luxus bei Parfums.

Schon sein Name klingt wie Poesie. Seine Parfums gelten als Inbegriff von Luxus und Extravaganz, seine Arbeitsweise verläuft höchst episch. Wenn es um außergewöhnliche Parfums geht, denkt man sofort an ihn: Die Rede ist von Serge Lutens. Das französische Kreativgenie schafft duftige Meisterwerke mit einem Hauch von Poesie. Dabei ging der Franzose schon immer seinen sehr kreativen Weg. Der Grandseigneur der Parfümerie arbeitete bereits als Hair and Make-up Artist, Fotograf, Creative Director, Modedesigner sowie Filmemacher – bevor er sich der Duft-Poesie verschrieb. 

Das französische Kreativgenie schafft duftige Meisterwerke mit einem Hauch von Poesie.”

1942 in Lille geboren, entwickelte Serge Lutens, der seit vielen Jahren in Marrakesch/​Marokko lebt, Anfang der 90er autodidaktisch seine ersten Düfte und wird seither als Avantgardist seiner Zunft gefeiert. Seine Düfte besitzen eine eigene Persönlichkeit – fern von typischen Mainstream-Duftsuppen und allgegenwärtigen Trends. Doch wie macht er das? Wie fühlen sich Düfte in Zeiten von Corona an, und wo holt er sich seine Inspirationen? Diese und andere Fragen beantwortet der unkonventionelle Parfümeur exklusiv für das Diners Club Magazin.

Ihre Duftkreation im heurigen Jahr heißt Fils de joie“: Ist das Ihr Aufruf zur Freude in dunklen Pandemiezeiten?
Bevor ein Parfum überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt, durchläuft es eine mindestens zweijährige Entwicklungsphase. Anfang 2018 war von einer Pandemie noch gar nicht die Rede … Der Name des Duftes ist eine Anspielung auf die Bezeichnung ­„fille de joie“, also im wortwörtlichen Sinne eine Person, die der Traurigkeit mit Lachen ­begegnet. Es ist der Galgenhumor, der den Hoffnungslosen, den Amokläufer, den Narren in Christo und eben auch das Freudenmädchen auszeichnet. 

Jedes Ihrer Parfums erzählt eine Geschichte. Was ist die Story hinter Fils de joie“?
Fils de joie“ lässt Erinnerungen eines Kindes wiederaufleben, das durch die ergebene, fast verzweifelte Freude der Frauen in seiner Umgebung geprägt wurde, diese Glückseligkeit, die vergleichbar ist mit der Wonne des allerersten tanzenden Derwischs, der kraft seiner geradezu irrwitzigen Liebe zu Gott von einem Taumel ergriffen wurde und alles um sich herum vergaß – mit Ausnahme seines Ideals. 

Wie muss man sich den Schöpfungs­prozess von Fils de joie“ vorstellen? War das eine schnelle Idee oder ein langsamer Reifungsprozess?
Genau genommen handelt es sich nicht um eine Kreation, die würde ja ein absichtsvolles Vorgehen voraussetzen. Der schöpferische Akt ist wie die Leidenschaft: Er lässt einem gar keine andere Wahl, er unterliegt keinerlei willentlichem Einfluss. Das krea­tive Prinzip selbst bleibt zwar gewisser­maßen passiv, gleichzeitig aber treibt es den Künstler an, löst etwas in ihm aus. Ein Künstler, der sich von seinem Willen leiten lässt, ist zum Scheitern verurteilt. Seine einzige Aufgabe besteht darin, Mittler des Unbewussten zu werden, Sprachrohr Gottes oder, mit anderen Worten, eines Ideals. 

Der schöpferische Akt ist wie die Leidenschaft: Er lässt einem gar keine andere Wahl, er unterliegt keinerlei willentlichem Einfluss.”

Ihre Düfte kommen den Menschen hautnah. Wie gehen Sie mit dem coronabedingten Verlust der Nähe um? Hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?
Die Epidemie hat sich ganz eindeutig auf meine Arbeitsweise ausgewirkt, denn ich lebe in Marokko, genauer gesagt, in Marra­kesch, und kann seit sieben Monaten kaum reisen. Da ich nicht persönlich in den ­Labors präsent sein kann, arbeite ich ­gezwungenermaßen aus der Ferne, also per Telefon, DHL usw. Ich verstehe es aber auch als Bereicherung, als Anlass, sich selbst wieder einmal zu hinterfragen.

Woran erkennt man ein gutes Parfum?
Ich kann nur erkennen, ob eine Kreation aus einem Impuls der Liebe erschaffen wurde. Meine eigenen Parfums verstehe ich als Brücke zwischen Bildern und Worten, wobei die Bilder meinem visuellen Schaffen entsprechen, das ich in den 90er-Jahren hinter mir ließ, um mich den Worten zuzuwenden. Hat das Parfum sie dereinst vereinigt, werde ich womöglich behaupten können, dass ich eine Brücke zu meinem eigenen Tod geschlagen habe. 

Und: Ist guter Duft ein Luxus?
Ein Luxusparfum bedient sich vorrangig natürlicher Rohstoffe. Da aber die ­Auflagen der IFRA (International Fragrance Association) zunehmend den Verzicht auf gewisse Rohstoffe vorschreiben, werden Parfums vielen Reformulierungen unterzogen. Das beunruhigt mich, denn wenn dieser Trend anhält, gibt es bald nur noch synthetische Parfums. Dann ist es aus mit Düften, die ihren Zauber auf der Haut entfalten. Der Duft natürlicher Essenzen durchläuft nach dem Auftragen einen natürlichen Prozess der Weiterentwicklung und Metamorphose. Synthetisch gewonnene Essenzen oder molekulare Nachbildungen entziehen sich diesem Spiel der Verwandlungen, sie haben den Zauber des Parfums ­gewissermaßen verloren. Ob Sie die Haut einer hinreißenden Frau oder ein Holzbein mit einem Parfum benetzen, läuft dann ­irgendwann aufs Gleiche hinaus. Aber das ist das Risiko, das die internationalen Parfumkonzerne auf sich nehmen, indem sie ein immer größeres Publikum ansprechen. 

Egal welcher Art ein Duft auch sein mag, er ist gut, wenn er die Erinnerung anspricht.”

Was ist der Duft Ihres Lebens?
Ich habe mich nie gescheut, olfaktorisch neue Wege zu beschreiten. Als ich Anfang der 90er-Jahre begann, mich für Düfte zu interessieren, war die Parfümerie eine Art altes Buckelweib, das wahllos ­Ingredienzen in seinem Suppenkessel zusammenrührte. Man kann nicht sagen, ob das gut oder schlecht roch, es ging vielmehr da­rum, soziokulturelle Klischees zu bedienen, vom Duft für den sportlichen Mann bis hin zum Parfum für die aktive Frau. Egal welcher Art ein Duft auch sein mag, er ist gut, wenn er die Erinnerung anspricht. 

Was war bis heute der absolute Best­seller unter Ihren Kreationen?
Das verläuft in Schüben, aber man kann wohl sagen, dass Féminité du bois“ die Branche maßgeblich beeinflusst hat. Ebenso wie Ambre sultan“, das sich ganz klar zu seinen orientalischen Einflüssen bekennt und meinen Wurzeln in der französischen Haute Couture die Treue hält. 

Sind Sie mit einer goldenen Nase auf die Welt gekommen – oder wann war Ihr Geruchssinn perfekt geschult?
Ich glaube nicht an Naturbegabungen. Sinne und Duft sind nicht voneinander zu trennen. Nur wer vom Leben gezeichnet ist, vermag seine Sinne zu schärfen. 

Plastik müsste abgeschafft werden! Doch auch die Sandmengen, die für die Glasflakons der Parfums benötigt werden, sollten nachdenklich stimmen.”

Sie sind Fotograf, Filmemacher, Mode- und Duftdesigner: Welche kreative ­Seite dominiert Ihre Persönlichkeit?
Schöpferisch tätig zu sein ist keine Entscheidung, die Kreativität drückt sich so oder so aus. Wenn man mir einen Pinsel in die Hand drückte, würde ich malen, wäre es ein Stift, würde ich schreiben, gäbe man mir einen Stein, wäre ich Bildhauer … Es gibt so viele Möglichkeiten – mal ergiebig, mal ganz unerwartet. Es kommt darauf an, dem, was auch jeder andere ausdrücken könnte, seine ganz persönliche Handschrift zu verleihen. 

Sie leben seit Jahrzehnten in Marokko. Was macht seinen Duftreiz aus?
Das Besondere an Marokko ist für mich der Duft der Ferne, der Nostalgie, der Existenz eines entrückten Ichs. 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihren Parfums?
Die Zukunftsaussichten werden angesichts steigender Bevölkerungszahlen zunehmend beängstigender. Zumal eine Gesellschaft, die sich dem Ideal des Egalitarismus verschrieben hat, eine ernst zu nehmende Bedrohung für den Planeten darstellt. Plastik müsste abgeschafft werden! Doch auch die Sandmengen, die für die Glasflakons der Parfums benötigt werden, sollten nachdenklich stimmen. Ist Fairness überhaupt mit Gleichheit vereinbar? 

Wo befindet sich der Produktionsstandort Ihrer Manufaktur?
Sämtliche Serge-Lutens-Produkte werden in Shiseido-Produktionsstätten gefertigt: die Parfums in Frankreich, ein Großteil der Make-up-Produkte in Japan, ein wei­terer Teil in Frankreich. Die Marke stützt sich zu 100 Prozent auf die F&E‑Kom­­petenzen der Shiseido-Gruppe, darunter modernste Innovationsstandorte in Japan. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Sinnliche Pracht

Die blumige Geschichte von Fils de joie“, erzählt vom Duftmagier Serge Lutens höchstpersönlich: Die Geschichte von Fils de joie‘ begann mit einem Duft, der mich faszinierte: Musk el lil, was in der marokkanischen Sprache Duft der Nacht‘ bedeutet. Riecht man direkt an der Blüte des Nachtjasminstrauchs, so wirkt sie eher unscheinbar, doch sobald ihr Duft die Umgebung erfüllt, entfaltet er seine umwerfende Persönlichkeit und bringt geradezu Licht ins Dunkel! Die tagsüber geruchlosen Blüten offenbaren sich erst im Schutz der Dunkelheit. Blumen machen übrigens nur in den seltensten Fällen optisch und gleichzeitig olfaktorisch auf sich aufmerksam.“ sergelutens​.com