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Bei dieser Geschichte werden wir alle gescheiter: Innovationsforscher Dr. Lukas Zenk über das Kollektiv als Wissensturbo und Improvisation als Erfolgsgarantie. Gerade in turbulenten Zeiten.

Besonders in Zeiten komplexer Aufgaben und gesellschaftlicher Herausforderungen ist das Kollektiv gefragt. Wie auch die Wissenschaft aktuell beweist: Collective Mind“ nennt sich das Phänomen, dem sich Dr. Lukas Zenk mit einem dreijährigen Forschungsprojekt am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement an der Donau-Universität Krems widmet. Das Diners Club Magazin traf den Professor für Innovations- und Netzwerkforschung zum spannenden Science Talk.

Ihr aktuelles Projekt Collective Mind widmet sich der Frage: Wie werden wir gemeinsam intelligenter?
Genau. Dazu muss man vorab klären, was Intelligenz ist. Allgemein wird darin die Fähigkeit gesehen, bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Das ist nur ein Faktor von vielen und kann einen Menschen nicht vollkommen beschreiben, aber es ist ein interessanter Indikator. Und daher war die Idee, auch auf die Teamebene zu schauen, weil die meisten Probleme heute im Team gelöst werden. Naheliegend war, dass eine Gruppe aus intelligenten Personen auch das beste Ergebnis erzielt – wie wenn man in einer Fußballmannschaft nur Ronaldos hätte. Die Fragestellung im übertragenen Sinn war also: Ist das Team mit den besten Spielern auch die beste Mannschaft? 

Wie lautet die Antwort?
Dem ist nicht so. Am MIT Center for Collective Intelligence in Massachusetts hat man große Studien durchgeführt mit dem Ergebnis, dass der IQ der einzelnen Personen keinen signifikanten Einfluss auf die Intelligenz der Gruppe hat. Kollektive Intelligenz bedeutet: Wie schafft es eine Gruppe, bestimmte Aufgabenstellungen gemeinsam zu lösen? Zwei Faktoren sind hier wesentlich: Es geht um den Prozess innerhalb der Gruppe und um die Wahrnehmung der anderen. Dabei spielen die gleichmäßige Verteilung der Redezeit und die Fähigkeit, Emotionen aus dem Gesicht anderer zu lesen, eine große Rolle. Weiblich dominierte Gruppen haben prinzipiell besser abgeschnitten, weil Frauen das Lesen von Emotionen tendenziell leichter fällt. 

Das Team mit den besten Spielern ist nicht immer die beste Mannschaft — die Forschung beweist das Gegenteil.”

Ist gerade in Krisenzeiten Collective Mind besonders gefragt?
Wir erleben Situationen, die wir in dieser Form noch nicht kennen. Durch das Coronavirus sind sämtliche Bereiche betroffen: gesundheitliche, wirtschaftliche, soziale, psychologische, ökologische und viele mehr. Es genügt nicht mehr, sich auf einzelnen disziplinären Inseln zu verstecken. Vielmehr müssen wir gerade jetzt diese Inseln verbinden und gemeinsam unsere globalen Probleme verstehen und lösen. Aktuell haben wir eine wissenschaftliche Publikation geschrieben, wie wir Interventionen für die nächsten Wellen des Coronavirus entwickeln. Dafür habe ich mit Kollegen aus der Epidemiologie und den Systemwissenschaften zusammengearbeitet. Weiters haben wir unter der Leitung von Prof. Steiner einen USA Expert Round Table organisiert, bei dem u. a. die Harvard University, das MIT etc. zusammen mit der Donau-Universität Krems die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft untersuchen, auch im Hinblick auf das Coronavirus.

Wie lässt sich nun konkret Wissen in einer Gruppe erforschen?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Das MIT hat ganz viel mit Fragebögen, Rätsellösen und Performanceindikatoren gearbeitet. Wir haben bemerkt, dass es spannend ist, nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch auf den Prozess zu schauen. Wie arbeiten die Personen miteinander? Wobei man hier zwischen Team und Gruppe unterscheidet: Ein Team arbeitet langfristig miteinander, eine Gruppe widmet sich einer aktuellen Aufgabe. 

Welche Funktion können Legosteine bei einer Problemlösung übernehmen?
Legosteine stellen ein anderes Medium dar, das erleichtert die gemeinsame Entwicklung neuer Ideen. Der Methode LEGO® SERIOUS PLAY® folgend arbeitet man mit den Händen, man baut etwas auf, man nimmt sich die Zeit, für sich selbst etwas zu erforschen, präsentiert seine Gedanken der Gruppe, um dann gemeinsam etwas Neues zu bauen. Man kommt schneller ins Tun und auch zu einer Lösung, während man beim nur Reden“ oft auf ein Thema fixiert bleibt. Das ist auch das Prinzip der von uns entwickelten Methode Designing.Events, mit der wir den Innovation Award 2017 gewonnen haben. Das ist ein Kartenset, das Inspiration und Antworten zur innovativen Entwicklung eines Events bietet. 

Wie wichtig ist das Gruppenklima für die Qualität des Ergebnisses ?
Sehr wichtig! Am allerwichtigsten in einer Gruppe ist die psychologische Sicherheit, sprich das Vertrauen, dass man seine Meinung frei äußern kann – ohne Angst vor Fehlern oder negativen Konsequenzen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt Aristoteles“, das Google vor einigen Jahren gestartet hat. Nach der Grundthese des griechischen Philosophen ist das Ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile. Demnach kam Google zu dem Ergebnis, dass für gute Teamarbeit die Möglichkeit, Fehler zu benennen und frei die Meinung zu sagen, am allerwichtigsten ist – neben weiteren wichtigen Faktoren wie Zuverlässigkeit, Struktur und Übersichtlichkeit, Sinnhaftigkeit und Einfluss der eigenen Arbeit auf das Projekt. Diese Faktoren kann man auf alle Bereiche anwenden, wo im Team gearbeitet wird – vom Konzern bis zum Krankenhaus. Die ideale Besetzung hängt natürlich auch immer von der Aufgabenstellung ab: Während bei innovativen Projekten Diversität in der Gruppe besonders gefragt ist, empfiehlt sich bei langfristigen Routineabläufen eher ein Team mit gleichem Mindset. Ein gemeinsames Problemverständnis ist dabei jedoch immer wichtig.

Gilt bei Gruppenintelligenz immer: Gemeinsam ist besser als einsam?
Manchmal ist eine Gruppe auch weniger intelligent als die einzelnen Mitglieder, etwa wenn soziale Dynamiken hinderlich sind oder wenn es um einfache, klare Aufgaben geht, beispielsweise konkret einen Namen für ein neues Produkt zu finden. Sobald es jedoch um komplexere Themen geht, also unterschiedliche Perspektiven gefragt sind, ist eine Gruppe stets im bedeutenden Vorteil gegenüber einer Einzelperson. Vor allem wenn Innovation das Thema ist, denn da geht es ja prinzipiell um die Rekombination von Vorhandenem. 

Sie widmen sich in Ihrer Forschung auch dem Thema Improvisation. Wie kann improvisieren gerade in herausfordernden Zeiten helfen?
Improvisation bedeutet, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen. Ursprünglich kommt der Begriff von im-pro-visus“. Visus bedeutet sehen, provisus voraussehen, und die Negation im“ führt zu der Übersetzung des Unvorhergesehenen“. In einigen Berufen wird improvisieren professionell trainiert, u. a. in der Kunst, etwa Improvisationstheater, Jazzmusik, Kontaktimprovisation, Rap, aber auch in der Wirtschaft, Innovation, Entrepreneurship oder bei Einsatzkräften wie Spezialeinheiten, Polizei, Feuerwehr, Rettung. Improvisation bedeutet grundsätzlich, im Hier und Jetzt zu agieren, Ressourcen zu nutzen, die aktuell verfügbar sind, die Veränderungen zu akzeptieren und darauf aufzubauen. Dabei geht es aber nicht nur um spontanes Agieren, sondern auch darum, die dahinterliegende Grundstruktur zu verstehen. Etwa wie man im Theater Geschichten aufbaut, in der Musik die Skalen, bei Spezialeinheiten die rechtlichen Rahmenbedingungen etc. In den letzten Wochen und Monaten musste die ganze Welt lernen, ständig zu improvisieren. Improvisation als Echtzeit-Kreativität“, im Moment etwas Neues zu entwickeln, hilft uns insofern im Hier und Jetzt, die Veränderung zu akzeptieren, kurzfristige Chancen zu nutzen, um langfristig eine neue Welt zu gestalten – denn die Welt nach der Krise wird eine andere Welt sein als vor der Krise. 

Besten Dank für das Gespräch!

Kreativer Denker

Dr. Lukas Zenk absolvierte ein Studium aus Wirtschaftsinformatik, Soziologie und Psychologie und promovierte im Bereich der Sozialen Netzwerkanalyse an der Universität Wien. Der 39-jährige Wiener ist Vater von zwei Kindern und Assistenzprofessor für Innovations- und Netzwerkforschung am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement der Donau-Universität Krems. In seinem aktuellen Forschungsprojekt Collective Mind erforscht er, wie Stakeholder-Gruppen komplexe Probleme besser lösen können. Konkret untersucht ein Team aus Forschern gemeinsam mit Experten der Projektpartner ICG Integrated Consulting Group sowie der Beratergruppe Neuwaldegg den Einfluss zweier Faktoren auf die Problemlösungskompetenz von Gruppen: die Perspektivenübernahme und das Vorhandensein eines gemeinsamen Problemverständnisses auf Basis mentaler Modelle. 

Auch das Feld Organisationale Improvisation“ steht auf Lukas Zenks Forschungsagenda. Dazu leitet er gerade in Zusammenarbeit mit der Universität Wien und Strategy Sprints ein dreijähriges Forschungsprojekt an der Donau-Universität Krems. Er selbst steht – wenn es die aktuellen Maßnahmen gerade erlauben – mit der von ihm mitgegründeten Improvisationstheatergruppe Quintessenz“ regelmäßig auf der Bühne – für ihn die perfekte Verbindung von Wissenschaft und Kunst. www​.lukaszenk​.at