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Ein Genie in der Komplettansicht: Andy Warhol ist vor allem für seine plakative Pop-Art bekannt. Das mumok in Wien zeigt noch bis Mai 2021 wenig bekannte Seiten des Ausnahmekünstlers.

Ein Meister der Selbstinszenierung und der Multimedialität, ein kreatives, experimentierfreudiges Arbeitstier, eine mysteriöse Kunstfigur voller Widersprüchlichkeiten und dennoch einer für seine Zeit oft mutigen Authentizität. Andy Warhol fasziniert bis heute die Massen und lockt sowohl Kunstexperten als auch Laien ins Museum. Warhol, der 1928 unter dem Namen Andrew Warhola als Sohn lemko-ruthenischer Einwanderer in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren wurde, verfügt jedoch über eine wesentlich größere künstlerische Vielfalt, als den meisten Museumsbesuchern bekannt ist. 

Andy Warhol fasziniert bis heute die Massen und lockt sowohl Kunstexperten als auch Laien ins Museum.”

Grund dafür ist nicht zuletzt er selbst, verfügte er doch schon 1962, dass seine Frühwerke nicht gezeigt werden sollen. Wie es zu dieser Selbstzensur kam, ist bis heute schwer nachvollziehbar. Es ist jedoch anzunehmen, dass es Teil seines geglückten Plans war, ein selbstbestimmtes Image seiner Person aufzubauen, den Mythos eines Künstlers, der perfekt aus dem Ei springt und seine eigene künstlerische Handschrift ohne vorangegangenes Versuch-Irrtum-Verfahren in die Welt hinaus trägt. Eine Vorgangsweise, die gerade in der heutigen Zeit, in der der Begriff Selbstinszenierung dank Social Media eine neue Dimension erlangt hat, fasziniert.

Wie hätte es Warhol gemacht?

Diese Kontrolle über die Präsentation war ihm nicht nur bei der Darstellung seiner eigenen Person, sondern auch bei der Zurschaustellung seiner Kunst sehr wichtig. 
Warhol verstand sich als Ausstellungskünstler, der bei Einzelausstellungen mit den Kuratoren ausführlich besprach, wie die Kunstwerke zu präsentieren seien. Dabei inszenierte er aber nicht nur seine eigenen Arbeiten: In der Wanderausstellung RAID THE ICEBOX 1 with Andy Warhol“ stellte er 1969/70 eine Schau mit Beständen aus dem Depot des Museum of Art der Rhode Island School of Design zusammen. Diese ungewöhnliche Ausstellung nimmt sich das mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien – zum Vorbild und hat sich die Frage gestellt: Wie hätte es Warhol gemacht?“ 

Andy Warhol war selbst ein versierter Kunstsammler, wobei er sich auf Folk Art, amerikanische Kunst und antike Skulpturen spezialisierte. In seinem Sinne hat die Kuratorin und Warhol-Expertin Marianne Dobner unter dem Titel DEFROSTING THE ICEBOX“ eine gekonnte Hommage zusammengestellt und sich dafür ins Depot der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums und des Weltmuseums auf Entdeckungsreise begeben. Das Ergebnis ist eine Schau, über der der Geist von Warhol schwebt, gerade auch im Sinne eines interdisziplinären und epochenübergreifenden Austauschs, der für den Künstler immer sehr wichtig war. Weg vom kunsthistorischen Schubladendenken, hin zu einem vielfältigen Dialog.

Queer-Denker

Seinem Gesamtwerk widmet sich die zweite Ausstellung, die ebenfalls bis Mai 2021 im mumok zu sehen ist. Bei ANDY WARHOL EXHIBITS a glittering alternative“ wird der Blick des Besuchers besonders auf Warhols oft vernachlässigtes Früh- und Spätwerk gelenkt. Als Andy Warhol im Alter von acht Jahren an Veitstanz erkrankte, entdeckte der bettlägrige Junge seine Leidenschaft für Comics und Kinofilme. Später perfektionierte er sein Zeichen- und Gestaltungstalent in einem Studium für Gebrauchsgrafik am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh. Sein frühes Werk ist geprägt von kleinteiligen Papierarbeiten und homosexuellen Motiven. So gestaltete er Bücher mit Kindergeschichten, die jedoch versteckte Gay-Code-Symbole wie Putten enthielten. Man konnte die Botschaft lesen, wenn man wollte. Indem er seine Inhalte gekonnt verpackte, konnte er sie durch die Zensur der prüden 50er-Jahre in Galerien bringen, was heute verblüfft und Warhol umso interessanter macht. 

Die Ausstellung im mumok macht es möglich, die Entwicklung des Künstlers nachzuverfolgen und hinter seine Inszenierung zu blicken.”

Bereits in seiner frühen Phase begann er seriell zu arbeiten und gestaltete etwa das Buchprojekt Ladies’ Alphabet“. Was sich auf den ersten Blick wie eine Porträtserie berühmter Frauen wie Greta Garbo darstellt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Mischung aus Damen und Dragqueens. Eine weitere ungewöhnliche Werkreihe, die zum ersten Mal seit 1954 wieder ausgestellt wird, besteht aus großflächigen abstrakt marmorierten Papierarbeiten. Die Blätter wurden anschließend von Warhol zu Skulpturen gefaltet, an die Wand gepinnt oder am Boden verteilt. Eine völlig neue Seite Andy Warhols. Die Ausstellung macht es möglich, die Entwicklung des Künstlers nachzuverfolgen und hinter seine Inszenierung zu blicken. Auch Warhols filmische Arbeiten bekommen im mumok-
Kino eine besondere Bühne. 

Maschine Mensch

Eine Erkenntnis, die man aus den Ausstellungen, die von einer Sammlungspräsentation der drei Kunstströmungen Pop-Art, Minimal Art und Conceptual Art zum Warhol-Triptychon vervollständigt wird, ist jene, dass sich das Zusammenspiel von Vervielfältigung und Einzigartigkeit durch alle Bereiche von Warhols Schaffen und Leben zieht. In weiterer Folge ergibt sich daraus auch die Notwendigkeit, Warhols Definition von Maschine neu zu erkennen.

Das Zusammenspiel von Vervielfältigung und Einzigartigkeit ziehst sich durch alle Bereiche von Warhols Schaffen und Leben.”

Eine Maschine wertet nicht, sie ist unter bestimmten Gesichtspunkten ein zutiefst demokratisches Werkzeug. Der Maschine ist es egal, ob eine Frau, ein Mann oder ein Transgender vor ihr steht. Ob die Person hetero- oder homosexuell ist. Ob ein Bild in eine Kunstrichtung klar einzuordnen ist oder nicht. Ob ein Thema auf Papier, Leinwand oder einer Tapete abgebildet wird. Versteht man den Begriff Maschine auf diese Weise, ist Warhols oft zitierter Wunsch, eine Maschine zu sein, eigentlich erstrebenswert und nachvollziehbar.

Andy Warhol im mumok

Noch bis Mai 2021 steht das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien mit konzeptionell unterschiedlichen Ausstellungen ganz im Zeichen der Ikone Andy Warhol. Näher Infos finden Sie unter mumok​.at