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Am 24. März eröffnet die umfassende Retrospektive des Objektkünstlers Daniel Spoerri im Bank Austria Kunstforum Wien. Wir präsentieren erste Einblicke.

Als leidenschaftlicher Sammler ist der 91-jährige Wahlwiener oft gesehener Besucher von Flohmärkten. Diese Begeisterung für das Übriggebliebene“ war es auch, die ihn zu seinem künstlerischen Wirken des Anekdotenhaften Erzählens führte. Bereits in den 60er Jahren schuf er mit seinen sogenannten Fallenbildern“ Kunstwerke, in denen er Alltagsgegenstände und ‑situationen einfängt und für die Ewigkeit einfriert. 

Mit seinen Fallenbildern“ Kunstwerken fängt Spoerri Alltagsgegenstände und ‑situationen ein und friert sie für die Ewigkeit ein.

Damit stellt er sich in die Tradition der Ready Made Art“ – nur dass Spoerri sie durch raffinierte Arrangements in eine neue Dimension geführt hat. Darüber hinaus gilt er als Begründer der Eat Art, obwohl Essen für ihn aus frühester Kindheit im Krieg mehr mit Überleben denn mit kunstvollem Genießen assoziiert war. Seit nunmehr 60 Jahren stellt er soziale Interaktionen und die sinnliche Wahrnehmung in den Fokus seiner Arbeit.

Große Retrospektive

Die Ausstellung im Bank Austria Kunstforum umfasst nahezu alle Genres des Multimedialisten. Seine Assemblagen und Collagen aus Alltagsmaterialien werden ebenso gezeigt wie die seit 1970 entstehenden Bronzeskulpturen, seine Schrift und Textilien verschränkenden Arbeiten und seine – oft in Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen umgesetzten – Aktionen. 

Die Anfänge: vom jüdischen Flüchtling zum Solotänzer

Daniel Spoerri wurde am 27. März 1930 in Rumänien geboren. Nach dem Tod seines Vaters flüchtete er im Alter von elf Jahren mit seiner Mutter, einer Schweizer Staatsbürgerin, und seinen fünf jüngeren Geschwistern in die Schweiz. Sein Onkel, Rektor an der Universität in Zürich, adoptierte ihn und ermöglichte ihm sein Studium des klassischen Tanzes und der Pantomime in Zürich und Paris. Noch während seines Engagements als Solotänzer am Stadttheater Bern versuchte er sich zum ersten Mal als Regisseur von Kurzfilmen. 

Daniel Spoerris vieflfältiges Talent ist Thema der umfassenden Retrospektive im Bank Austria Kunstforum in Wien.

Der Objektkünstler

Mit seinem Umzug nach Paris 1959 entfaltete sich erstmals seine Leidenschaft zum Sammeln. Zuerst noch als Verleger der von ihm gegründeten Edition MAT (Multiplication d’art transformable), in der er Werke von Marcel Duchamp, Man Ray, Dieter Roth oder Victor Vasaraly auflegte. Doch schon bald folgten die ersten Tableaux pièges (Fallenbilder), Objektkunstwerke, in denen er ein Stück Realität wie in einer Falle einfängt: Momentaufnahmen des Lebens, ikonenhafte Überzeichnungen und skurrile Kombinationen und Umkehrungen von Gegenständen unterschiedlicher Materialität — wie etwa das Brot, das in einer Sandale steckt. Mit Kollegen wie Yves Klein, Jean Tinguely, Raymond Hains oder Martial Raysse wurde Spoerri Teil der Künstlergruppe Nouveau Réalisme, die sich unter der Leitung von Pierre Restany als Gegenbewegung zur Abstrakten Kunst positionierte. Mit seinen Schriftstücken Anekdoten einer Topografie des Zufalls“ schuf er in dieser Zeit erstmals auch ein literarisches Pendant zu seinen Fallenbildern. 

Der Wendepunkt

Großer Wendepunkt für Spoerri war sein Beitrag im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) zur Ausstellung The Art of Assemblage“ 1961, die internationale Aufmerksamkeit erregte und seine Kunst zur Inspirationsquelle für das Entstehen neuer Kunstströmungen wie der Amerikanischen Pop Art machte. Sein Werk Kichkas Frühstück I“ wurde im Anschluss durch das MoMa erworben und ist bis heute dort zu sehen. 

Bei einem längeren Griechenland Aufenthalt im Jahr 1968 widmete sich Spoerri vermehrt dem Thema Essen und fertigte 25 Objekte unter dem Titel Gastronomisches Tagebuch – 25 objets de magie à la noix“.

Danach eröffnete er gemeinsam mit dem Wirt Carlo Schröter das Restaurant der Sieben Sinne“ in Düsseldorf, das er als Gastronomiebetrieb leitete und ihm gleichzeitig als Raum für die ersten Eat Art“- Aktionen mit Künstlern wie Joseph Beuys, Dieter Roth oder Emmett Williams diente. Auch Spoerri selbst trat als Koch auf und erfand fantasievolle Gerichte und Rezepte, wobei er teils die gehobene Küche parodierte.

Daniel Spoerri veröffentlichte auch mehrere Kochbücher, die eher wie Artefakte anmuten – künstlerische Statements zum Thema Essen als gesellschaftliches Ritual.

Professur, Ausstellungen und Skulpturales Werk

Als Professor für Dreidimensionale Gestaltung an der Kölner Werkschule und später auch an der Akademie der bildenden Künste in München realisierte Spoerri mit Studierenden Ausstellungsprojekte und Bankette. In dieser Zeit veröffentlichte er auch mehrere Kochbücher, die eher wie Artefakte anmuten – künstlerische Statements zum Thema Essen als gesellschaftliches Ritual.

Im Skulpturengarten Il Giardino di Daniel Spoerri“ in Seggiano in der Toskana setzt er sich seit 1997 vor allem mit dem skulpturalen Werk von KünstlerkollegInnen wie Eva Aeppli, Meret Oppenheim, Name June Paik, Niki de Saint Phalle oder Jean Tinguely auseinander und stellt den Werken eigene Skulpturen gegenüber.

Nationaler und Internationaler Erfolg

Seine Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen präsentiert, unter anderem im Centre Georges Pompidou, Paris (1990), mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (2002) und MOCAK – Museum für Gegenwartskunst, Krakau (2015). Seit 1996 wird das Archiv Daniel Spoerri in der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern verwaltet und kontinuierlich aufgearbeitet.

Seit 2009 werden in Hadersdorf am Kamp Wechselausstellungen im Ausstellungshaus Spoerri präsentiert, die seine Arbeiten mit dem Werk namhafter KollegInnen in Dialog treten lassen. Im Museum Niederösterreich kann seit 2015 seine Skulpturengruppe Dead End“ besichtigt werden, ein Bronzeguss, der Opfer und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt.

Seit 2007 lebt und arbeitet Daniel Spoerri in Wien. 

Ausstellung Daniel Spoerri

Von 24. März bis 27. Juni 2021
Bank Austria Kunstforum Wien

Freyung 8, 1010 Wien 

Informationen zu aktuellen Öffnungszeiten & Details finden Sie unter kunstforumwien​.at