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Tho­mas Neu­sied­ler, CEO des öster­rei­chi­schen Ver­si­che­rers Hel­ve­tia, im Talk über Coro­na, Start-ups und 160-jäh­ri­ge Erfahrung.

Auto, Woh­nung oder Pen­si­on. Rechts­schutz, Urlaub oder Kre­dit. Ver­si­che­run­gen beglei­ten uns ein Leben lang, und kaum einer kennt die­ses Lebens­mit­tel“ bes­ser als Tho­mas Neu­sied­ler, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Tra­di­ti­ons­mar­ke Hel­ve­tia. Zu Besuch am Unter­neh­mens­sitz am Hohen Markt in der Wie­ner Innen­stadt, spre­chen wir mit ihm über den jahr­hun­der­te­al­ten Erfolg von Hel­ve­tia, aku­ten Arbeits­kräf­te­man­gel und die Digi­ta­li­sie­rungs­wel­le in der Branche.

Wir erle­ben gera­de unsi­che­re Zei­ten. Wie sehr erschüttert das Ihre Branche?

Die Mar­ke Hel­ve­tia gibt es seit 160 Jah­ren. Das Unter­neh­men hat zwei Welt­krie­ge, meh­re­re Wirt­schafts­kri­sen und ver­schie­de­ne poli­ti­sche Sys­te­me überlebt. Wir haben also schon dras­ti­sche­re Zei­ten als die letz­ten Wochen erlebt, aber natürlich gibt es auch Aus­wir­kun­gen auf unse­re Bran­che. Ver­si­che­rungs­mo­del­le wie etwa eine Ver­si­che­rung, die bei Betriebs­un­ter­bre­chung zum Tra­gen kommt wer­den als wich­ti­ger wahr­ge­nom­men. Auf der ande­ren Sei­te steigt in kri­sen­haf­ten Zei­ten das Bedürfnis, zu spa­ren. Das wirkt sich auf die Nach­fra­ge nach Anspar- und Vor­sor­ge­pro­duk­ten aus. Aus Sicht der Anbie­ter wird die Fra­ge span­nend, wie Scha­dens­de­ckun­gen durch die Pan­de­mie ver­än­dert wer­den. Eine Situa­ti­on ähn­lich wie Coro­na gab es zuletzt vor rund 100 Jah­ren in Form der Spa­ni­schen Grip­pe. Es wird also sicher Lern­ef­fek­te und Pro­dukt­an­pas­sun­gen geben.

Wel­chen Stel­len­wert hat Sicherheit?

Sicher­heit ist ein mensch­li­ches Grundbedürfnis, das in allen Lebens­la­gen eine zen­tra­le Rol­le spielt. Für uns als Ver­si­che­rer ist das natürlich ein Vor­teil, da wir ein Pro­dukt ver­kau­fen, das die Men­schen emo­tio­nal anspricht. Ande­rer­seits ist Sicher­heit schwer greif­bar. Ver­si­che­run­gen sind kei­ne phy­si­schen Pro­duk­te und müssen erst mit Leben gefüllt wer­den, um erfolg­reich ver­mark­tet zu werden. 

Das pas­siert wie genau? 

Durch unse­re Mit­ar­bei­ter. Das ers­te Auto bekom­men vie­le von ihren Groß­el­tern oder Eltern geschenkt, wes­halb so auch die Ver­si­che­rung über den Fami­li­en­ver­si­che­rer“ abge­schlos­sen wird. So ent­steht der Kon­takt zur nächs­ten Genera­ti­on, Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen bekom­men ein Gesicht, ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis wird aufgebaut.

Ist das Geschäfts­mo­dell der klas­si­schen Ver­si­che­rer also trotz der anhal­ten­den Digi­ta­li­sie­rung noch zukunftstauglich?

Wir ver­kau­fen unse­re Ver­si­che­run­gen über drei Ver­triebs­ka­nä­le: Ange­stell­te im Außen­dienst, unge­bun­de­ne Mak­ler und Agen­tu­ren. Der rei­ne Online­ver­kauf spielt in der Ver­si­che­rungs­bran­che nach wie vor kei­ne domi­nan­te Rol­le. Einer­seits wünschen sich Kun­den gera­de wegen des abs­trak­ten und nicht phy­si­schen Cha­rak­ters von Ver­si­che­run­gen per­sön­li­che Bera­tung. Ande­rer­seits sind gute Ver­si­che­run­gen kei­ne Pro­duk­te von der Stan­ge. Ein Stu­dent hat bei­spiels­wei­se ande­re Vor­sor­ge- oder Absi­che­rungs­ge­dan­ken als eine drei­fa­che Mut­ter. Auf­grund der Kom­ple­xi­tät und Indi­vi­dua­li­tät braucht es im Ver­si­che­rungs­ge­schäft die mensch­li­che Kom­po­nen­te. Ein star­ker mensch­li­cher Kon­takt in Kom­bi­na­ti­on mit einem hohen Maß an Agi­li­tät im On- und Off­line­be­reich, das ist unse­re Zukunftsstrategie.

Bedro­hen Online-Start-ups tra­di­tio­nel­le Versicherer?

Wenn wir einen Ver­gleich mit der Gas­tro­no­mie anstel­len, ist die Hel­ve­tia ein renom­mier­ter tra­di­tio­nel­ler Gast­hof, und Star­tups sind eine Bar mit fünf Tischen. In den Berei­chen Hier­ar­chie, Herz­blut und Umset­zungs­ge­schwin­dig­keit kön­nen wir von jun­gen Unter­neh­men viel ler­nen, aber wirt­schaft­li­che Situa­tio­nen wie die aktu­el­le ver­deut­li­chen die star­ke Posi­ti­on klas­si­scher Ver­si­che­rer. Es braucht bei­des: Star­tups und erfah­re­ne Kon­zer­ne. Ein Koexis­tenz- und Koope­ra­ti­ons­ge­dan­ke gefällt mir bes­ser als Konkurrenzdenken.

160 Jah­re Fir­men­ge­schich­te: Was macht Hel­ve­tia nach­hal­tig erfolgreich?

Ich sage manch­mal: Wir sind wie ein Schwei­zer Taschen­mes­ser, indi­vi­du­ell und zuver­läs­sig. Wir ver­ste­hen uns als Part­ner für unse­re Kun­den, die wir durch unter­schied­li­che Lebens­pha­sen vom ers­ten Auto bis zum Eigen­heim beglei­ten. Neben dem Part­ner­prin­zip ist es auch unse­re Agi­li­tät, die uns von ande­ren Anbie­tern unter­schei­det. Du musst immer mit der Zeit gehen und dir die Fra­ge stel­len, wie sich Kundenbedürfnisse und Märk­te ent­wi­ckeln wer­den. Wenn es etwa immer mehr Kun­den gibt, die kein Auto mehr besit­zen möch­ten, müssen auch wir natürlich unse­re Leis­tun­gen anpas­sen. Der lang­jäh­ri­ge Erfolg gibt unse­rer Stra­te­gie recht. Was die Markt­an­tei­le betrifft, sind wir unter den Top Ten der erfolg­reichs­ten Ver­si­che­rungs­mar­ken in Österreich.

Hel­ve­tia beschäf­tigt in Öster­reich rund 850 Mit­ar­bei­ter. Was zeich­net einen guten Ver­si­che­rungs­ver­käu­fer aus?

Per­sön­lich­keit und Fach­lich­keit in Per­so­nal­uni­on. Als Ver­mitt­ler ver­kaufst du auch dich als Mensch mit Eigen­schaf­ten wie Vertrauenswürdigkeit, Empa­thie oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit. Aller­dings gibt es kei­ne all­ge­mein gültige For­mel für per­fek­te Ver­mitt­ler, da unter schied­li­che Kun­den­ty­pen auch unter­schied­li­che Mit­ar­bei­ter­cha­rak­te­re ver­lan­gen. Man muss raus und auf die Men­schen zuge­hen. Wer nur im Büro sitzt, wird in die­ser Bran­che nicht erfolg­reich sein.

Spüren Sie wie vie­le ande­re Kon­zer­ne einen Man­gel an Arbeitskräften?

Die Bran­che hat sicher ein Nach­wuchs­pro­blem. Das liegt nicht nur an der man­geln­den Kom­mu­ni­ka­ti­on der Berufs­vor­tei­le und Chan­cen, son­dern auch an gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren. Wir haben im Ver­kauf bei­spiels­wei­se einen sehr gerin­gen Frau­en­an­teil, da vie­le Eltern für ihre Töch­ter nach wie vor bestimm­te Berufs­vor­stel­lun­gen haben, zu denen nicht pri­mär der Ver­trieb zählt. Ich würde mir wünschen, dass unse­re Gesell­schaft noch offe­ner wird und Rol­len­mus­ter noch kri­ti­scher hin­ter­fragt wer­den. Tat­sa­che ist aber auch, dass die ers­ten Aus­bil­dungs- und Berufs­jah­re eine Lern­pha­se sind. Als Ver­si­che­rungs­ver­käu­fer braucht es eine Zeit, bis man einen Kun­den­stamm auf­baut und vor allem län­ger­fris­ti­ge Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge abschließt. Dem Man­gel an Nach­wuchs ver­su­chen wir bei Hel­ve­tia mit Employ­er Bran­ding sowie guten Aus­bil­dungs- und Lehr­mo­del­len entgegenzuwirken.

Als Vor­stands­vor­sit­zen­der tref­fen Sie lebens­wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen für das Unter­neh­men. Wie gehen Sie mit Druck und Stress einer sol­chen Posi­ti­on um?

Das ist natürlich kei­ne Posi­ti­on mit gere­gel­ten Arbeits­zei­ten und Rou­ti­ne­ab­läu­fen. Ich mache die­sen Job sehr gern, daher emp­fin­de ich kei­nen Druck. Wenn mich die Funk­ti­on als Vor­stands­vor­sit­zen­der nicht glücklich machen würde, hät­te ich den Beruf gewech­selt. Ich hät­te kein Pro­blem, in einer Bar Tel­ler zu ser­vie­ren, solan­ge es mir Spaß macht. Es geht letzt­lich um Auf­ga­ben, die einen erfüllen sol­len, und nicht um das Fest­hal­ten an Titeln oder Hier­ar­chien. Die Fra­ge, wie gern wir einen Beruf ausüben, bestimmt auch unse­re Wahr­neh­mung von Stress. Es ist scha­de, dass Stress in unse­rer Gesell­schaft nur nega­tiv behaf­tet ist. Es gibt auch posi­ti­ven Stress, der uns antreibt, effi­zi­ent arbei­ten lässt und motiviert.

Was ist Ihnen als Führungspersönlichkeit wichtig?

Ich möch­te, dass mich die Mit­ar­bei­ter so wahr­neh­men, wie ich als Per­sön­lich­keit auch tat­säch­lich bin. Wir sind zwar ein gro­ßes Unter­neh­men, aber noch klein genug, dass nahe­zu jeder jeden kennt. Inso­fern ist mir als Führungskraft Authen­ti­zi­tät sehr wich­tig. Der Erfolg eines Unter­neh­mens hängt von der Leis­tung jedes ein­zel­nen Mit­ar­bei­ters ab. Auch das möch­te ich gern ver­mit­teln und die Arbeit jedes Ein­zel­nen wertschätzen.

Vie­len Dank für das Gespräch!

GANZ SICHER

Die Mar­ke Hel­ve­tia wur­de vor 160 Jah­ren unter dem Namen Anker-Ver­si­che­rung gegründet. Heu­te zählt sie zu den Top Ten der öster­rei­chi­schen Ver­si­che­rungs­an­bie­ter und hat ihren Sitz in der Innen­stadt von Wien. Mag. Tho­mas Neu­sied­ler ist seit acht Jah­ren Mit­glied des Vor­stands von Hel­ve­tia und seit Janu­ar 2020 CEO.